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3.03.04 „Ich gebe immer 100 Prozent, selbst auf einer Kohlenkiste"
MOLSBERG. Im letzten Teil des Interviews mit dem Molsberger Rennfahrer Wolfgang Kaufmann geht es um dessen aktuelle Arbeit beim Wieth-Team, das mit einem Ferrari in der FIA-GT-Serie startet und um vieles mehr.
NNP:Um den technischen Rückstand teilweise aufzuholen, haben Franz und Niko Wieth einen hochkarätigen englischen Ingenieur namens Steve Riggiens verpflichtet - unter anderem war er maßgeblich beim Nissan-Le Mans-Projekt involviert.
KAUFMANN:Das ist zutreffend. Mister Riggiens war schon in Monza und bei den beiden vorweihnachtlichen Tests in Oschersleben und Riejka dabei. Da habe ich endlich einen Ansprechpartner zur Seite, mit dem man bestimmte technische Dinge besprechen, ergründen und vorantreiben kann. Eins darf man natürlich nicht vergessen: Der Mann ist kein Wunderheiler. Aber er wird uns sicherlich neue technische Impulse und Innovationen geben können. Für uns geht es ja nicht darum, hier und da eine Zehntelsekunde zu finden, sondern wir müssen uns im Sekundenbereich verbessern. Wieth Racing und ich haben in der letzten Saison schon eine Menge auf die Mütze bekommen. Ich bin in hinteren Regionen rum gefahren, wo ich nun wirklich nicht hingehöre. Wer mich kennt, der weiß, dass ich dies nicht auf mir sitzen lasse. Das Ferrari-Projekt reizt mich weiterhin enorm und 2004 gilt es, meinen Ruf und den des Teams wieder aufzupolieren. Ob uns das gelingt, werden die demnächst anstehenden Testfahrten und der Saisonauftakt zeigen.
NNP:Neben all den angesprochenen Mühen gab es 2003 jedoch auch zwei echte Highlights. Sie haben für Franz Konrad zweimal dessen amerikanischen Supersportwagen Saleen SR-y bewegen dürfen. Wie kam diese Geschichte zustande und geht da 2004 was?
KAUFMANN: Dass ich dieses Topauto in Road America und beim 1000 Kilometer-Rennen von Le Mans zweimal fahren und genießen konnte, ist in erster Linie auf die Eigeninitiative von Teamchef Franz Konrad zurückzuführen. Der Österreicher kennt mich schon seit Jahren. In der Vergangenheit habe ich auch schon seinen damaligen Porsche 911 GT2 bewegt. Er weiß also schon, was ich kann oder auch nicht kann. Ich bin mit der „Flunder" gut zurecht gekommen und das war wichtig für mein Ego. Man hofft dann natürlich auch auf eine zukünftige Zusammenarbeit. Doch inzwischen hat sich die Großwetterlage schon wieder verändert. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Mein Partner Dunlop hätte mich mit einem großzügigen Reifenkontingent unterstützt, doch Konrad hat den Reifenpartner gewechselt und wird 2004 auf Pirelli setzen.
NNP:Es ist nahezu typisch für Sie, dass Sie in Ihrer Karriere immer wieder Nackenschläge verdauen mussten. Während Ihrer Formel3-Zeit haben Sie „Möchtegern-Insider“ sportlich mindestens drei Mal für tot erklärt. Bei Freisinger Motorsport haben Sie jahrelang Aufbauarbeit geleistet und schließlich den Rauswurf verkraften müssen. Was ist Ihr Geheimrezept, dass Sie sich nie unterkriegen lassen?
KAUFMANN: Ein Geheimrezept gibt es sicherlich nicht. Ich bin nun einmal ein Mensch mit gewissen Charakter- und Wesenszügen. Ich fahre Rennen, weil es mir Freude bereitet. Es ist für mich jedoch nicht irgendein Job, sondern es hängt schon eine Menge Herzblut dran. Ich gebe nicht 99 Prozent, sondern immer 100 Prozent. Selbst wenn ich auf einer Kohlenkiste sitze. Ich fahre nicht nur aus Spaß im Kreis und verbrauche Benzin und Reifen, sondern ich suche den Erfolg. Doch in einem hochtechnisierten Sport kann man nicht alles selber richten. Selbst in sportlich mageren und auch wirtschaftlich schwierigen Zeiten stecke ich nicht den Kopf in den Sand, sondern tue, mache und suche nach zukunftsträchtigen Lösungen. Wege entstehen schließlich beim Wandern. Sicherlich gibt es im Motorsport einige Leute, die ein paar Millionen auf der hohen Kante haben, aber auch solche, die überhaupt kein Auto zum Fahren finden, obwohl sie über ein entsprechendes Talent verfügen. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.



