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31.03.05 Die „Paragrafen-Reiterei“ ärgert Wolfgang Kaufmann

 

Molsberg. Schon mal was von Sisyphus gehört? Ist das nicht jener tragische griechische Sagenheld, der sich nimmermüde mit einem massiven Felsblock abmühte? Kaum hatte Sisyphus den Berggipfel unter unmenschlichen Qualen fast erreicht, viel seinem Gesteinsbrocken nichts Besseres ein, als wieder unaufhaltsam zu Tal zu rollen. Gibt es etwa Ähnlichkeiten zwischen der griechischen Mythologie und der Motorsport-Welt?


Der widrige Karriereverlauf des »Molsberger Rennfahrers Wolfgang Kaufmann hat schon unwirkliche, teils groteske Wesenszüge. Dass der Westerwälder als Test- und Entwicklungsfahrer keine kurzfristigen Erfolge einheimsen kann, ist ja noch nachvollziehbar. Dass er sich jedoch neben technischen Unzulänglichkeiten auch noch mit eigentümlichen Reglement-Hütern herumschlagen muss, nimmt schon surreale Formen an. Der nachfolgende erste Teil des Interviews unseres Mitarbeiters Emerson W. Dilcher zeigt, dass Wolfgang Kaufmann über einen stoischen Langmut und einen festen Charakter verfügen muss.

NNP: Die FIA-GT-Saison 2003 verlief für Sie im Wieth-Racing-Team sehr haarig. Im Winter waren Sie durchaus optimistisch. Doch Sie waren in 2004 noch weiter weg von der Musik, und können keine brauchbaren Ergebnisse vorweisen. Was sind die Ursachen?

Kaufmann: Das ist ein vielschichtiges Problem. In 2003 waren wir vom Reglement her gesehen gewissermaßen in einer Zwickmühle. Wir konnten bei der Aerodynamik keinerlei Veränderungen vornehmen. Wir hatten sehr wenig Abtrieb, speziell auf der Vorderachse. Im Winter ist dann durchaus einiges sinnvoll verändert worden. Das Grip- und Handling-Niveau des Maranello 550 ist erheblich besser geworden. Das sieht man allein daran, dass wir im französischen Dijon von 2003 auf 2004 um satte drei Sekunden schneller geworden sind. Während der letztjährigen Saison sind wir leider nie richtig zum Testen gekommen. Einmal ist es auch etwas Budget bedingt, aber hauptsächlich hatten wir mehr technische Hemmnisse als uns lieb war. Das fing schon beim ersten Rennen in Monza an, wo uns die Starterlaubnis entzogen wurde. Die Lenkung sollte angeblich nicht reglementskonform sein. Die Wieth-Leute haben sich das nicht gefallen lassen, und die technischen Kommissare mussten beim nächsten Rennen klein beigeben, denn die Lenkung war technisch okay. Doch seitdem ist das Verhältnis heftig gestört, und wir bekommen mächtig Knüppel zwischen die Beine geworfen.

NNP: Wir bitten um weitere Beispiele.

Kaufmann: Es gab noch andere schwachsinnige Scharmützel. Zum, Beispiel muss sich unterhalb der Windschutzscheibe eine Regenablaufrinne befinden. Die Wieth-Truppe hatte zu Saisonbeginn klären lassen, dass sie diese entfernen dürfte. Doch irgend so ein Schlaumeier hat dann während der Saison entgegen der ursprünglichen Absprache darauf bestanden, dass die Ablaufrinne wieder eingebaut werden müsse. Ein andermal soll die Positionierung der Heckflügelhalterung nicht in Ordnung gewesen sein.

NNP: Es ist aber doch erstaunlich, wie sich die technischen Kommissare mit jemandem abmühen, der im hinteren Mittelfeld herumfährt?

Kaufmann: Tja, da geht es offen¬sichtlich ums Prinzip. Die Wieth-Jungs haben wegen der angesprochenen Lenkungsgeschichte gegen die Herren aufgemuckt, und jetzt sind wir denen ein Dorn im Auge. Da geht es um Paragrafen-Reiterei und politische Spielchen. Das hängt mir zum Hals raus. Das Schlimme dabei ist ja, dass man Nerven und Zeit verliert. Es ist absolut okay, dass man die Technik überwacht. Es fehlt aber jegliches Fingerspitzengefühl.

NNP: Glauben Sie noch an die Wende bei Wieth-Racing?

Kaufmann: Schwer zu sagen. Es liegt nicht in meiner Macht, aber es müssten sich grundlegende Dinge ändern. Teamchef Nieko Wieth träumt davon, sowohl das FIA-GT-Championat als auch die nationale französische GT-Meisterschaft bestreiten zu können. Ab und zu redet er von einem zweiten Ferrari. Dabei läuft noch nicht einmal der eine richtig. Man sollte sich ausschließlich auf eine Meisterschaft konzentrieren. Aus Budgetgründen habe ich zudem ständig wechselnde Teamkollegen, doch habe ich meine Fühler auch noch zu einem anderen Rennstall ausgestreckt.

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Wolfgang Kaufmann spricht der Molsberger Rennsportler unter anderem über das Porsche-Team A, das 1000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring und die Le-Mans-Endurance-Serie.