Presse

1.10.01 Black is back

 

Das Pingpong-Spiel um Rekordrunden auf der Nordschleife geht weiter: Tuner Gemballa holte sich mit dem GTR600 die sport auto-Trophäe für das schnellste Straßenfahrzeug am Ring wieder zurück.


Die Rüstungsspirale dreht sich immer flotter, die Zeiten purzeln immer tiefer - Rekorde am Ring: Was als eine von Vielen bespöttelte Schnapsidee begann, hat sich im Lauf der Jahre zum aussagekräftigen Kriterium für die Güte von Sportwagen gemausert.

Und schuld ist auch sport auto. Vier Mal bezwang Chefredakteur Horst von Saurma den Ring im Rekordtempo, der von sport auto gestiftete Pokal schien bereits in festen Händen. Die Einführung des Supertests 1997 als integraler Bestandteil von sport auto machte alles nur noch schlimmer. Leser, Hersteller und Tuner waren fix überzeugt: Die Nordschleife ist der Prüfstein für die Schnellsten.

Und weil Rekordrunden der Tunerzunft rasante Geschäfte versprechen, legt sich die Branche immer mehr ins Zeug: Man geht finanziell kräftig in Vorlage, um speziell für den Ring gefertigte Supersportwagen aus dem Hut zu zaubern. Wie im Rennsport üblich, werden Reifen- und Fahrwerkspartner ins Boot geholt - und mittlerweile kurbeln bereits Profirennfahrer am Volant.

So geschehen beim vorerst letzten Kapitel im Reigen der Ringschlachten am 22. August. Uwe Gemballa, Chef der gleichnamigen Porsche-Schmiede, blies zum großen Halali. Seit wenigen Wochen war der alte Rekord mit dem von ihm konzipierten GTR 600 futsch: Konkurrent TechArt hatte im Rahmen des Supertests noch einen draufgelegt: Bei 7.43,7 Minuten lag die neue Messlatte.

Der Gegenangriff erfolgte mit bewährtem Material, „der GTR 600 bot schließlich noch Spielraum für Verbesserungen“ 8 wusste Gemballa zu berichten. Mit verbessertem Fahrwerk von H&R und knackigen 600 PS gab es auch für Profifahrer Wolfgang Kaufmann nicht viel zu mosern: „Bestialisch, wie das Ding anschiebt", so der baffe Kommentar des Molsbergers nach dem ersten Probegalopp am frühen Morgen. Doch das Bändigen der schieren Gewalt wollte noch nicht so recht gelingen: „Auf der Kuppe am Flugplatz hat das Auto Unterluft bekommen", grübelte Kaufmann, „nicht sehr angenehm bei diesen Geschwindigkeiten."

Außerdem rapportierte der Profi lästige Vibrationen bei Highspeed. Der zweite Versuch förderte nach nur 50 Metern Fahrt das Übel ans Tageslicht: Ein geborstener Dämpfer hinten links war für die unkoordinierten Jumps verantwortlich, mit auslaufendem Dämpferöl rollte der schwarze Elfer zum Check in die Werkstatt - ein bisschen Drama muss schon sein, wenn es um Rekorde geht.

Frisch gedämpft ging es am Nachmittag zur finalen Attacke. Der Motor des GTR 600 spratzelte genüsslich in der grellen Nachmittagssonne vor sich hin, der Mechaniker schnallte einen frischen Satz Reifen auf - übrigens herkömmliche Straßenpneus von Yokohama und keine extra haftstarken Sportreifen: „Die Yokohama AVS Sport wurden nur auf zwei Millimeter Profiltiefe abgehobelt, um das Wanken der Blöcke zu minimieren", erläuterte Harald Jacksties, zuständiger Marketingchef, die staunenswert kargen Vorkehrungen.

Sonst ließ die Gemballa-Crew aber keinen Kniff aus, um die Fahrt des schwarzen Biturbos zu beflügeln. Wegen der hohen Außentemperaturen von fast 35 Grad Celsius wurde der Ladeluftkühler im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis gelegt: Thermik-Doping für das heiße Herz. Für Kaufmann ging es jetzt ans Eingemachte. Ausgerüstet mit dem neuen D2-Messsystem von sport auto, bahnte sich der GTR 600 seinen Weg über den verschlungenen Eifelkurs - um mit einem Traumergebnis wieder zurückzukehren: 7.32,52 Minuten lautete das exakte Ergebnis „kaufmännischer" Arbeit.

Der Jubel hielt sich in angemessenen Grenzen, wahre Stärke zeigt sich eben in der Siegesgewissheit: Aufgabe erfüllt, Gegner abgewatscht, Rekord eingefahren. Uwe Gemballas Fazit: „Klasse Performance von Auto, Fahrer, Reifen und Fahrwerk. Ich glaube, an der Marke werden sich noch einige die Zähne ausbeißen."

Und was vermeldet der Fahrer aus der fernen Galaxie einer Profi-Ringrunde? „Puuh, heftig! Also ich bin ja wirklich kein Weichei, aber mit der Leistung und Straßenreifen muss man die Pobacken gewaltig zusammenkneifen."

Beispiele gefällig? Topspeed Döttinger Höhe: 309 km/h! Kaufmann: „Die zweite Galgenkopf-Rechts auf die Döttinger Höhe geht voll, und dann im sechsten Gang am Begrenzer hin zur Antoniusbuche und Vollgas in den Linksknick. Der Einlenkpunkt muss perfekt passen, sonst hast du verwachst." Wohl wahr, die derbe und wellige Biegung führte den Molsberger an den Kränzen für den beim 6-Stunden-Rennen an jener Stelle tödlich verunglückten Ulli Richter vorbei ...

Noch ein paar Ansichten eines Profis: Anfahrt Schwedenkreuz, 278 Sachen liegen an -„die Welle vor dem Linksknick geht voll, das Auto ist halt komplett in der Luft." Wir haben verstanden. Anfahrt Pflanzgarten: 207 km/h, das Auto fliegt, und wie. Die Rückkehr des Fotografen erfolgte kopfschüttelnd. Er stand am Pflanzgarten, brachte keine scharfen Bilder heim, aber einen Kommentar: „Der spinnt ja."

Welchen Kräften der GTR 600 bei einem solchen Parforceritt ausgesetzt ist, verdeutlicht der Reifencheck: Die Position der Pneus auf den Felgen wurde vor der Rekordrunde penibel gekennzeichnet. Durch die Beschleunigungsorgien und Bremsarien blieb kein Reifen mehr, wo er einmal war: Sie verdrehten sich komplett auf der Felge.

So was lässt einen Wolfgang Kaufmann ziemlich kalt. Der GT-Pilot mit dem schweren Gasfuß ist für jeden Spaß zu haben, und sei er noch so derb. Kaum zu glauben, dass ein Heizer von seinen Gnaden ohne Werksvertrag frei in der Gegend herumläuft.

Marcus Schurig