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1.03.04 Wolfgang Kaufmann über eine Formel-1-Legende und Geld zum Abwinken

 

Molsberg. Im zweiten Teil unseres von Emerson W. Dilcher geführten Interviews mit dem Molsberger Rennfahrer Wolfgang Kaufmann erfahren wir einiges über eine Ferrari-Formel-1-Legende früherer Tage, hoch hängende Trauben, Kohlenkisten und Wunderheiler, über einen Mehrfrontenkrieg und über Money- und Menpower ohne Ende. Und: Ferrari ist nicht gleich Ferrari.


NNP: Nach dem Lehmann-Theater haben Sie schließlich Unterschlupf beim deutschen Wieth-Racing-Team gefunden, das in der FIA-GT einen Ferrari 550 Maranello an den Start gebracht hat. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: aber aus sportlicher Sicht war der Saisonverlauf eine mittlere Katastrophe.

KAUFMANN: Der erste Kontakt zu Wieth-Racing kam Ende 2002 zu Stande. Die Wieth-Leute kannten mich aus der FIA-GT, wo Franz und Niko Wieth jahrelang einen Porsche GT2 gefahren sind. Eines Tages hat mich der Franz angerufen und mich gefragt, ob ich nicht einmal ihr Auto testen wolle. Dies geschah im italienischen Vallelunga. Wir haben uns kennen gelernt, sind uns näher gekommen und haben gleich ein paar technische Dinge in die Wege geleitet. Daraus ist dann die Zusammenarbeit für 2003 entstanden. Man darf deren Ferrari 550 Maranello nicht mit den Ferraris der Konkurrenz vergleichen. Das wäre komplett unfair. Wieth-Racing macht viele Dinge in nahezu kompletter Eigenverantwortung. Die Jungs bauen ihren Boliden von der ersten Schraube an komplett selbst aus. Zeichnungen, Entwürfe, Entwicklungen und der Bau ganzer Fahrzeugkomponenten geschehen in Eigenregie. Allein auf Grund dessen gebührt Wieth-Racing schon einmal Respekt und ein Sonderlob. Dummerweise hängen die Trauben speziell in der großen FIA-GT-Klasse besonders hoch. Es gibt super gute Rennfahrzeuge wie die Ferraris von Prodrive und N.technology, den Saleen von Franz Konrad, die werksunterstützten Lister Storm und die Chrysler Viper, die immer noch gut und zuverlässig funktionieren. Das ist schon ein sehr, sehr hohes Niveau. Da stößt man als kleines Privatteam ohne jegliche Kontakte zu einem Werk, ohne Megabudget und ohne Feedback von einem Ingenieursstab auf nahezu natürliche Grenzen. Wir führen ja neben der Finanzierung einen Zweifrontenkrieg. Wir müssen einmal das Auto standfest machen und natürlich müssen wir an Speed gewinnen. Zwei Dinge, die nicht immer zusammen passen. Alles schön und gut. Aber außen stehende Leute begreifen einfach nicht, dass es Ferraris gibt, die nicht nur Rennen, sondern gar die Meisterschaft gewinnen und dass es einen Wieth-Ferrari gibt, der sich im hinteren Mittelfeld tummelt. Also noch einmal: Ferrari ist nicht gleich Ferrari. Das Wieth-Auto befindet sich schon auf einem recht brauchbaren Niveau, aber die Messlatte ist nun einmal Prodrive. Das ist eine renommierte englische Firma mit Geld zum Abwinken, und auch bei den Technikern kann man ins Volle greifen. Der amtierende Rallye-Weltmeister heißt Petter Solberg und sitzt in einem Prodrive-Subaru. Deren Chef heißt David Richards. Der Mann ist nebenbei auch noch der Boss des Formel-1-Teams BAR-Honda. Das bedeutet Money- und Menpower ohne Ende. Und diese Truppe ist unser unmittelbarer Mitkonkurrent. Ein Prodrive-Ferrari unterscheidet sich von einem Wieht-Ferrari in vielen, vielen Kleinigkeiten, aber auch in gravierenden Dingen. Nehmen Sie zum Beispiel die Anordnung des Motors. Der befindet sich bei Prodrive wesentlich tiefer und zentraler. Das bedeutet einen günstigeren Schwerpunkt und somit ein besseres Handling. Die Anlenkpunkte der vorderen Querlenker sind anders positioniert. Ein Prodrive-Auto hat mehr aerodynamischen Grip auf der Vorderachse. Das hat nicht nur positivere Auswirkungen erneut auf das Handling, sondern auch auf die Traktion.