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11.04.05 Entzugserscheinungen bei einem unbeugsamen Zeitgenossen

 

FIA-GT-Auftakt Monza: Mysteriöse Reifenplatzer kosten Podiumplatzierung für Kaufmann/Jurazs - LMES-Saisonstart in Spa


Für einen Motorsport-Verrückten wie Wolfgang Kaufmann sind die langen Wintermonate ein Greuel, denn ohne einen leistungsstarken und schwer zu bändigen Rennboliden können schon einmal Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Daseins aufkommen.

Dem Mann kann geholfen werden. Der Saisonauftakt vom vergangenen Wochenende im italienischen Monza in der internationalen FIA-GT-Langstreckenmeisterschaft ist bereits Geschichte und an diesem Wochenende verbreiten die infernalisch klingenden Rennmotoren ihren süchtig machenden Sound im belgischen Spa-Francorchamps beim ersten LMES-Aufgalopp des Jahres. Reichlich Gelegenheit seiner Passion nachgehen zu können.

Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Monza verlief nicht ganz wunschgemäß und im Vorfeld zu Spa gibt es mehr als nur ein Fragezeichen. „Man darf den Blick für die Realitäten nicht verlieren. Im FIA-GT-Championat ist für Renauer Motorsport maximal nur Rang drei machbar. Dann muss aber alles perfekt und optimal laufen. Die beiden werksunterstützten englischen Gruppe M-Porsche sind für uns unerreichbar. Da beißt keine Maus den Faden ab", umreißt Kaufmann die Ausgangssituation. Kann der Molsberger seine selbst gesteckten Ziele jedoch nicht erreichen, so kann er für das Team zu einem unangenehmen Zeitgenossen mutieren, der ständig und unbeugsam Verbesserungen nachhaltig einfordert. „Nach der Hälfte des ersten Qualifyings sind uns sämtliche bis dahin gefahrene Zeiten gestrichen worden, da das Auto an der Vorderachse zu tief war. War jedoch kein Problem, da wir nur eine Position verloren haben und immerhin noch als Fünftplatzierte in der GT 2-Kategorie starten konnten.

m Rennen ist uns jedoch bereits nach zehn Runden die Servolenkung ab-handen gekommen. Das ist reichlich beschwerlich, denn die Lenkkräfte sind speziell in den Schikanen enorm. Gut dass Monza über lange Geraden verfügt und ich auf eine gute Kondition wert lege. Bei einer anderen Streckencharakteristik wären mir jedoch die Arme abgefallen. Bei einem fast dreistündigen Rennen wird man durch solch eine Sache nicht unbedingt schneller. Rang drei war somit bereits stark gefährdet. Dann haben uns zwei merkwürdige Reifenschäden jeweils hinten links heimgesucht und somit war der Traum vom Podiumsplatz regelrecht geplatzt.

Die Ursache war vor Ort nicht zu eruieren. Seltsam ist der Umstand, dass wir das einzige Porsche-Team waren, bei dem solch massive Reifenprobleme aufgetreten sind. Und auch im Ziel sah das linke Hinterrad erneut nicht wirklich gesund aus. So mussten wir am Ende noch froh sein, einen fünften Platz in der GT 2-Klasse und Position 16 in der Gesamtwertung über die Ziellinie retten zu können", war Kaufmann etwas angefressen. Nun ja, ein reines Glückskind ist er noch nie gewesen.

Als solche mussten sich die Überraschungssieger Gabriele Gardel (CH) und der portugisische Ex-Formel 1-Pilot Pedro Lamy fühlen. Die beiden Larbre-Ferrari 550 Maranello-Piloten brachten das Kunststück fertig, und konnten gleich vier der übermächtigen Maserati MC 12 bezwingen. Welch ein Fight bei einem Langstreckenrennen. Die beiden deutschen Michael Bartels und Timo Scheider und die einheimischen Italiener Fabio Babini und Thomas Biagi, alle Vitaphone-Maserati MC 12, hatten einen lächerlichen Rückstand von 0,921 respektive 1,456 sec. bei 87 gefahrenen Runden! Von solch engen und spannenden Motorsport träumt die überschätzte Formel 1.

Von einem gelungenen Einstand in die Le Mans-Endurance-Serie (LMES) in Spa an diesem Wochenende träumen auch der Molsberger Wolfgang Kaufmann und dessen belgische Teamkollege Eric van de Poele. Beide werden versuchen, einen aufsehnerregenden und in Eigenregie entwickelten 996er-Turbo-Porsche von A:Level Engineering in Szene zu setzen. „Ich lasse die Sache auf mich zu kommen", gibt sich Kaufmann ungewohnt betont vorsichtig. Verständlich, denn bei den beiden Premierenrennen im Vorjahr konnte man wahrlich keine Bäume ausreißen. Und wie eine Zielflagge aussieht, ist auch noch gänzlich eine neue Erfahrung!

 

Emerson W. Dilcher